Ich, Barbara Keller (aus Münster), arbeite seit 2003 musiktherapeutisch mit Kindern, Erwachsenen und alten Menschen. Die Musiktherapie verstehe ich als Psychotherapie, die erlebte Beziehungen hörbar macht, in der Beziehungen gestaltet werden und Resonanzräume entstehen können. Auf kreative Weise versuchen wir, ein Team aus Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten, mit Musik in tiefere Schichten vorzudringen als es oft mit Worten möglich ist. Musik auf Rädern - so heißt das ambulante Therapieangebot, das Musik und Musiktherapie zu Menschen ins vertraute Umfeld nach Hause oder auch in Einrichtungen bringt.
Bei den Besuchen bin ich gut und auf vielfältige Weise ausgerüstet, um auf verschiedene Art und Weise Kontakt aufzunehmen und in Beziehung zu treten. Dafür nutze ich Musikinstrumente, mit denen wir gemeinsam in Austausch und Ausdruck kommen, und einen reichhaltigen Liederschatz. Die verwendeten Instrumente bringe ich mit. Beliebt sind Akkordeon und Gitarre, aber auch weniger bekannte rhythmische, atmosphärische, wohlklingende Instrumente. Abgestimmt auf die bestehenden Bedürfnisse setze ich das Medium Musik individuell und situativ ein: die Bandbreite reicht vom leisen Summen oder dem Singen und Spielen für den Klienten bis zum gemeinsamen Spiel mit Stimme und Instrumenten. Ebenfalls individuell entscheidet sich, ob die Therapie nonverbal ist oder (bzw. in welchem Umfang) das Gespräch, das Verbale wichtiger und notwendiger Anteil des therapeutischen Angebotes sind.
Musiktherapie mit alten Menschen:
Schwerpunkte meiner Tätigkeit liegen im Bereich der Musiktherapie mit alten Menschen, die häufig an einer Form von Demenz erkrankt sind. Musik wird oft als Königsweg in der Kommunikation mit an Demenz erkrankten Menschen beschrieben. Sie ist als Medium besonders gut geeignet für einen Kontakt mit den Betroffenen.
Biografisch relevante Musikerfahrungen sind resistent gegen das Vergessen. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Musik bleibt über den gesamten Verlauf der demenziellen Erkrankung erhalten - daher ermöglicht es Musik, auch in den fortgeschrittenen Stadien der Demenz eine Verbindung zur eigenen Vergangenheit und Herkunft zu schaffen. Musik aktiviert Emotionen und damit verbunden Erinnerungen. Klänge, Bewegungen, Instrumente - nahezu alles kann Spuren in die Vergangenheit legen und Situationen aus unterschiedlichen Lebensphasen wiederbeleben und vergegenwärtigen.
In früheren Stadien der Erkrankung wirkt individuell bedeutsame Musik, in dem sie die Sicherheit von etwas Vertrautem und Bekanntem wiederfinden lässt. Der vielfältige Verlust von Orientierung ist allgegenwärtig, der Alltag des demenziell veränderten Menschen ist voller Unsicherheiten. Im Verlauf der Erkrankung, wenn die Sprache zunehmend verloren geht, wird die Improvisation zu einem wichtigen Element der Musiktherapie. Die Musiktherapie bewegt sich dann zwischen den Polen "Festhalten" in Form des Lebensrückblicks und "Loslassen" in Form des Abschiednehmens. Eine vorwärts führende, offene Bewegung kann angeregt werden und die Erstarrung in der Demenz lösen.
Neben einer demenziellen Veränderung treten weitere Erkrankungen im Alter gehäuft auf. Zu diesen gehört der Schlaganfall, der eine Aphasie, den (vorübergehenden) Verlust von Sprache, zur Folge haben kann.
Die besonderen Potenziale einer musiktherapeutischen Begleitung von Menschen mit einer Aphasie liegen darin, dass auch ohne Sprache Kommunikation stattfinden kann, dass mit und durch die Musik die Sprache und das Sprechen geübt werden kann und dass die sekundären (psychischen) Folgen (emotionale und soziale Probleme, Identitätsverlust, Traumabewältigung) mitbehandelt werden können. Manche Menschen mit Aphasie sind zunächst völlig verstummt oder möchten nicht sprechen, weil sie sich für ihre veränderte Sprache schämen. Im Vorfeld logopädischer Förderung oder als begleitenden Maßnahme dazu bietet Musiktherapie einen geschützten Rahmen zum Ausprobieren der eigenen Stimme ohne Leistungsanforderung: Denn es muss nicht ein vollständiges Wort produziert werden, sondern es reicht ein Ton oder ein Laut. Meistens fällt es den Patienten leichter, die Stimmt lautierend oder in einem musikalischen Kontext zu benutzen als bei dem Versuch, ein Wort zu formen. Ein weiteres erstaunliches Phänomen macht sich die Musiktherapie bei der Behandlung von Aphasie zu nutze: Trotz sehr geringer Sprachfähigkeit ist es vielen Betroffenen dennoch möglich zu singen; oft ist sogar ein Lied mit dsem kompetten Text fehlerfrei abrufbar. Das Hören der eigenen Stimme und die gelungene Sprachproduktion können erlösend wirken. Bekannte Lieder bilden außerdem eine Brücke zwischen Früher und Heute, zwischen Gesund und Krank, wird somit identitätsstiftend und helfen bei der Krankheitsverarbeitung.
Somit kann Musiktherapie im rehabilitativen Kontext helfen, spielerisch und unbelastet einen Zugang zum noch vorhandenen Sprachpotential zu finden und die Lernmotivation für Sprachtherapie zu fördern. Wenn die Sprachtherapie nicht oder noch nicht den erhofften Erfolg bringt, geht es darum, kompensierende Kommunikationsformen zu finden. Die Musik in der Musiktherapie stellt ein nonverbales Medium dar, mit dessen Hilfe sich Musiktherapeutin und Patient gleichberechtigt begegnen und verständigen können. Auf diese Weise in Kontakt zu treten, Resonanz zu bekommen und verstanden zu werden, ermöglicht dem Klienten Erlebnisse von Zugehörigkeit und Gemeinschaft und hilft, Angst, Verzweiflung, Resignation und Passivität zu überwinden. Mit musikalischen Übungen kann gelernt werden, noch verbliebene Stimm- und Sprachreste möglichst expressiv zu gebrauchen. Sich auf diese Weise Ausdruck zu verschaffen, führt zu emotionaler Entlastung und Entspannung. Die Freude am spielerischen Ausdruck unterstützt die Orientierung an und Entwicklung von verbliebenen Ressourcen anstelle einer Konfrontation mit dem sprachlichen Unvermögen.
Mithilfe der Musiktherapie können auch generationenübergreifende Begegnungen geschaffen werden. Neben einer musiktherapeutischen Begleitung im Falle einer Erkrankung kann mit Musik eine Annäherung zwischen unterschiedlichen Generationen gelingen. Häufig befinden sich Altenpflegeeinrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kindertagesstätten oder Grundschulen. Trotzdem sind die Lebenswelten von alten und jungen Menschen oft weit voneinander entfernt. So sind generationenübergreifende Kontakte selten, es bestehen Berührungsängste und es gibt wenig Gelegenheit und Interesse voneinander zu profitieren.
Über die Musik gelingt es Freude zu wecken, Kreativität zu entwickeln und ohne Sprache Verbindungen herzustellen. Durch die Musik treten Erinnerungen hervor, werden wach und reaktiviert. Voraussetzung für diese emotionale Bewegungen ist eine Umgebung, in der sensibel mit Erinnerungen, Emotionen und Befindlichkeiten umgegangen wird.
In den meisten Fällen machen sich Kinder einer Kindergartengruppe oder einer Schulklasse auf den Weg und begegnen den alten Menschen in einem für die Kinder eher fremden Lebensraum, einem Senioren- oder Pflegeheim. Die Kinder lernen diesen Raum kennen, entwickeln Verständnis und Toleranz für Menschen in anderen Lebenssituationen und bekommen vielfältige Gelegenheiten, hilfsbedürftigen Mitmenschen eine Freude zu machen oder ihnen zu helfen. Für die Senioren des Pflegeheims bedeutet der Besuch der Kinder eine Öffnung ihres Lebensraumes. Die kindliche Spontaneität bringt Lebendigkeit und Freude in die Einrichtung. Der Kontakt weckt Erinnerungen aus der eigenen Kindheit, mit der sie ohnehin im Stillen befasst sind. Die musikalischen Darbietungen rühren an, wecken die Sinne, regen Verstand und Gefühl an, gleich, in welchem körperlichen Zustand sich der alte Mensch befindet.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner musiktherapeutischen Tätigkeit ist die musiktherapeutische Begleitung von Menschen mit Behinderung.
Menschen mit Behinderung erhalten in unserer Gesellschaft oft einen Sonderstatus, der sie zu Adressaten von Wohlwollen oder auch von Diskriminierung macht. Jeder Mensch hat die ursprünglichen Bedürfnisse akzeptiert zu werden, ein eigenes Ich zu entwickeln, so sein zu dürfen wie man ist, sich ausdrücken zu können und gehört zu werden. Nur wenn das Gegenüber als gleichwertiger Dialogpartner betrachtet wird, kann es gelingen, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Die geistige und/oder körperliche Behinderung erschwert dem Kind, Jugendlichen und Erwachsenen, sich selbst in eigener Handlung und Wirkungskraft zu erfahren. Viele Bedürfnisse und Handlungsabsichten können aufgrund fehlender Sprache und körperlicher Einschränkungen nicht aktiv geäußert bzw. realisiert werden. Aus der Frustration des Handelns erwächst schnell die Frustration des Wollens und des Fühlens.
Musik bietet einen Raum, der viele Formen zulässt, von Ordnung bis Chaos. Im eigenen Musizieren können persönliche Gefühle ausgedrückt, eigene Geschichten mitgeteilt werden. Im gemeinsam gestalteten improvisierten Dialog kann eine nonverbale Kommunikation entstehen, die es Menschen ermöglicht, ihre individuellen Bedürfnisse direkt und unverfälscht zu vermitteln. Auf vielfältige Weise bietet die Musiktherapie die Möglichkeit, das Handlungsfeld des behinderten Menschen zu erweitern, und dadurch das sekundär behinderte Ich zu stärken. Erfolgserlebnisse neuer Art bereichern und erweitern den Handlungsspielraum in schöpferischer, aber auch sozialer, teilnehmender Hinsicht.
Die musiktherapeutischen Angebote von Barbara Keller reichen von der Einzeltherapie zu Hause oder in der Einrichtung über Gruppenangebote wie Gruppenmusiktherapie, Jugend-/Erwachsenenband, Chor, Instrumentalunterricht, Projekte verschiedener Art.